Sommernacht in der Grauzone

Shakespeare-Denkmal gegenüber der Deutschen Oper. Foto: Ulrich Horb
Shakespeare-Denkmal gegenüber der Deutschen Oper. Foto: Ulrich Horb

Grau und bewölkt ist die Welt der Elfen. Zumindest in der  Inszenierung  von „A Midsummer Night‘s Dream“ an der Deutschen Oper Berlin, die Ende Januar 2020 Premiere hatte.  Der Komponist Benjamin Britten hatte Shakespeares  Komödie Sommernachtstraum   1960 als Textgrundlage genommen und mit leichten sphärischen Klängen versehen. Regisseur Ted Huffman hat die Geschichte um Träume, Verwirrungen und Leidenschaften jetzt von allem Schwulst  befreit auf eine  leergeräumte  Bühne gebracht.

Die Deutsche Oper setzt mit dieser Inszenierung ihren Zyklus von Werken Benjamin Brittens fort –  ein besonderes Anliegen von  Generalmusikdirektor Donald Runnicles, der die musikalische Leitung  des Stücks hat. Es ist eine Koproduktion mit der Opéra Orchestre National Montpellier Occitanie, in Berlin ist eine noch einmal überarbeitete Fassung zu sehen.

Benjamin Britten (1913- 1976) ist nicht nur einer der wichtigsten britischen Komponisten, er war auch als Dirigent und Pianist erfolgreich. Mit acht Jahren schrieb er erste Kompositionen,  in   London studierte er von 1930 bis 1933 Klavier und Komposition. Als Pazifist wich er dem Krieg in Europa 1939 durch den Umzug in die USA aus. 1942 kehrte er mit seinem Lebensgefährten, dem  Tenor Peter Pears, nach Großbritannien zurück. Den Durchbruch als Komponist hatte er mit seiner Oper „Peter Grimes“, die im Juni 1945 Uraufführung hatte.

Deutsche Oper in Charlottenburg. Foto: Ulrich Horb
Deutsche Oper in Charlottenburg. Foto: Ulrich Horb

Die Rahmenbedingungen für Musiker und Komponisten waren in Großbritannien schwierig, nur in London konnten Opern mit größerer Besetzung aufgeführt werden. Mit dem von Britten   entworfenen Konzept der Kammeroper mit einfachen, transportablen Bühnenbildern und kleinem Orchester war es möglich, Aufführungen auch in kleinere Städte zu bringen. In seiner Heimatstadt Aldeburgh in Suffolk initiierte Britten 1948 ein Musikfestival, auf dem „A Midsummer Night‘s Dream“ 1960 uraufgeführt wurde. Gut 300 Zuschauerinnen und Zuschauer fanden dort Platz. 

Mit englischen und deutschen Übertiteln kann das Geschehen nun auf der Bühne der Deutschen Oper verfolgt werden.  Dabei gibt es deutlich mehr Lesestoff als bei üblichen Operninszenierungen, auch wenn  Britten und Pearse Shakespeares Textvorlage schon deutlich entschlackt hatten und gleich mit dem zweiten Akt ins Geschehen einstiegen, in den Ehestreit zwischen Elfenkönig Oberon und Gattin Titania. In deren Elfenwald flieht Lysander mit Hermia, deren Vater  sie gegen ihren Willen mit dem in sie verliebten Demetrius verheiraten will. Demetrius, der dem Paar nacheilt, wird wiederum von Helena verfolgt, die ihn liebt. Oberon  mischt sich in diese Liebeswirren ein und beauftragt den Elf Puck, mit einem Liebestrank Helena und Demetrius zusammenzubringen, doch Puck trifft die Falschen.

Shakespeares Sommernachtstraum ist eine derbe Geschichte mit vier verschiedenen Handlungssträngen:  der geplanten Hochzeit des Athener Herrscherpaars Theseus und Hippolyta, der Verwirrung von zwei Liebespaaren im Elfenwald, dem Streit zwischen  Elfenkönig Oberon und seiner Gattin, der Feenkönigin Titania, sowie der Geschichte einer Gruppe von Handwerkern, die ein Stück für die Hochzeitsfeierlichkeiten proben.  Da streiten Oberon und Titania um einen kleinen Knaben, der von Puck verabreichte Liebestrank sorgt nicht nur für verwirrte Leidenschaft unter den Paaren, sondern auch für die Liebe zu einem Esel.

Shakespeares Anspielungen auf Sodomie und Pädophilie neutralisiert Huffman mit seinem farblosen Bühnenkonzept: Die graue unterirdische Elfenwelt ist geschlechtslos und der kleine Junge, um den die Elfenherrscher streiten, wird als unschuldiger blau uniformierter Knabe mit Kuscheltier gezeigt. Nicht erotische Bilder  bestimmen die Zauberwaldbühne, sondern die traumhafte Musik Benjamin Brittens, zu der sich die uniform gekleideten  Elfen  mit dem hervorragenden Kinderchor der Deutschen Oper auf der Bühne bewegen. Und zum Zauber trägt auch Brittens Instrumentierung bei, zu der neben Streichern und Bläsern  zwei Harfen, Vibraphon und Glockenspiel  gehören.

Es bleibt genug Traumhaftes in dieser Sommernacht: der Traum von Gleichheit, von klassenloser Liebe zwischen Elfenkönigin und Handwerker, vom persönlichen Glück und Freiheit.  Die Natur der Sommernacht“, so beschreibt es die Deutsche Oper in einem Programmzettel, „wird zu einem Fluchtort der Zivilisation.“

Deutsche Oper Berlin, Bismarckstraße 35, 10627 Berlin-Charlottenburg
A Midsummer Night‘s Dream,  Regie: Ted Huffman, Premiere 26 Januar 2020

mehr auf der Internetseite der Deutschen Oper

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