Nachtleben mit Distanz

Zwiebelfisch, Savignyplatz. Foto: Ulrich Horb
Traditionskneipe „Zwiebelfisch“ am Savignyplatz, durch Brandschaden im März 2020 schwer beschädigt. Foto: Ulrich Horb

Berlins Kneipenwirte mussten Geduld beweisen. Erst zwei Wochen nach der Öffnung der Restaurants durften auch sie wieder für ihre Gäste öffnen. Im März hatte der Berliner Senat alle Lokale coronabedingt geschlossen. Während die meisten Restaurants jedoch kurz danach zumindest den Außer-Haus-Verkauf von Speisen aufnehmen konnten, gab es für die Kneipen keine Einnahmemöglichkeit mehr. Seit 2. Juni können auch sie nun wieder frisches Bier zapfen und Getränke ausschenken. Die Gäste müssen Abstandsregeln einhalten. Es gelten strikte Hygieneregeln, um ein erneutes Ansteigen der Infektionen mit dem Corona-Virus zu verhindern.

Vor der Öffnung Anfang Juni musste in vielen Kneipen umgeräumt werden. Plätze am Tresen gibt es nicht mehr, die Tische müssen Mindestabstände haben, es wird regelmäßig desinfiziert, alles wird luftiger und offener, für die Gäste gibt es eine Sitzpflicht.

Im Wandel: Aufgagebene Weddinger Eckkneipe 2008. Foto: Ulrich Horb
Im Wandel: Aufgegebene Weddinger Eckkneipe 2008, heute eine Shisha-Bar. Foto: Ulrich Horb

Während die Zahl der Plätze in den Kneipen teils drastisch reduziert werden musste, um die Abstände einzuhalten, gibt es nun – wo immer möglich – mehr Tische auf der Straße, da die Ansteckungsgefahr an der frischen Luft oder in gut durchlüfteten Räumen als etwas geringer eingeschätzt wird.


Dennoch sind die existenziellen Sorgen der Berliner Wirtinnen und Wirte nicht vorüber. Nach gut zweieinhalb Monaten ohne jeden Verdienst können sie im Moment nur mit geringeren Einnahmen rechnen. Auch wenn sich etliche Stammgäste über ein Wiedersehen freuen – viele gelegentliche Gäste bleiben noch aus und Touristen gibt es in diesem Sommer so gut wie keine in der Stadt.

Kreuzberger Eckkneipe 1981. Foto: Ulrich Horb
Kreuzberger Eckkneipe 1981. Foto: Ulrich Horb

Berlins Kneipenlandschaft ist in einem stetigen Wandel begriffen, der von der Corona-Pandemie nun wohl beschleunigt wird. In den sechziger und siebziger Jahren gab es vor allem in den Arbeiterbezirken Wedding, Kreuzberg und Neukölln nahezu an jeder Straßenecke eine verrauchte Kneipe, in der sich Nachbarn bei Molle und Korn trafen.

Weddinger Kneipe in den achtziger Jahren. Foto: Ulrich Horb
Weddinger Kneipe in den achtziger Jahren. Foto: Ulrich Horb

Etliche wandelten sich in den kommenden Jahren zu studentischen Treffpunkten und Künstlerlokalen, viele andere schlossen für immer. Doch während nach der Jahrtausendwende deutschlandweit mehr als 10.000 Kneipen und Schankwirtschaften schließen mussten, entstanden mit dem wachsenden Tourismus in Berlin viele neue. Heute sind es die „Szenekneipen“, die das Bild bestimmen.

Dazu gehören die Kneipen in Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Neukölln und Mitte, aber auch am Stuttgarter Platz oder am Savignyplatz. Etliche der namhaften Lokale und Restaurants sind von der Schließung bedroht oder bereits – wie das Lentz oder das Gasthaus Leonhardt – geschlossen, viele weniger bekannte wird es wohl ebenso treffen. Manche wie der „Zwiebelfisch“ am Savignyplatz, der zusätzlich während der Corona-Zeit durch einen Brand beschädigt wurde, bauen auf die Solidarität der Stammgäste, die mit Spenden den Weiterbetrieb unterstützen.

 

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