Toni und Tonino in Weißensee

Kino Toni am Antonplatz in Weißensee. Foto: Ulrich Horb
Kino Toni am Antonplatz in Weißensee.  Foto: Ulrich Horb

Gar nicht weit entfernt, im Ballsaal des Pankower Ausflugslokals Feldschlösschen, hatten die Brüder Skladanowsky 1895 die ersten Filme in Deutschland vorgeführt. Die Erfindung trat schnell den Siegeszug an. Schon vor dem 1. Weltkrieg eröffneten die ersten Berliner Kinos, 1907 zum Beispiel das Lichtspieltheater am Zickenplatz in Kreuzberg, das heutige „Moviemento“, ein Jahr später folgten in Friedrichshain die „Tilsiter Lichterspiele“.

1919 begann am 1871 angelegten Antonplatz in Weißensee der Bau eines „Wohnhauses mit Lichtspielpalast“, entworfen von den Berliner Architekten Max Bischoff und Fritz Wilms, die bereits im Prenzlauer Berg Erfahrungen im Kinobau gesammelt hatten. Bauherr war die Gesellschaft Czutzka und Co. Der Wohnhausbau gehörte zu den Auflagen, die angesichts der Wohnungsnot nach dem Weltkrieg einzuhalten waren. Am 4. September 1920 wurde der „Lichtspielpalast Antonplatz“ mit 700 (einige Quellen sprechen von 750) Plätzen eröffnet, kurz darauf wurden daraus die „Decla-Lichtspiele“ am Antonplatz. Zu den Stummfilmen gab es Klavierbegleitung auf einer kleinen Bühne.

Alte Filmtechnik im Foyer des Kinos. Foto: Ulrich Horb
Alte Filmtechnik im Foyer des Kinos. Foto: Ulrich Horb

Die Decla-Film-Gesellschaft Holz & Co. war am 16.2.1915 von Fritz Holz und Erich Pommer gegründet worden. Zunächst produzierte sie Abenteuer- und Detektivfilme, ab 1919 setzte sie verstärkt auf Qualitätsfilme, etwa von Fritz Lang. Zudem importierte sie internationale Filme. Schon ein Jahr nach der Eröffnung am Antonplatz, im November 1921, schloss sich die Decla mit der Universum Film (Ufa) zusammen, am Antonplatz gab es nun ein UFA-Theater „Weißensee“, daneben aber auch sechs weitere konkurrierende Filmtheater. 1929 hielt der Klangfilm Einzug. Anfang der 30er Jahre hatte das Haus 700 Plätze. Sie waren wochenlang ausverkauft, als 1930 das britische Seedrama „Atlantik“ lief, eine Adaption des Titanic-Themas mit Fritz Kortner, Lucie Mannheim, Willi Forst und Franz Lederer in den Hauptrollen. Während des Nationalsozialismus bestimmten auch in Weißensee Heimat- und schließlich Kriegsfilme wie etwa „Urlaub auf Ehrenwort“ 1938 den Spielplan, ein Film, der nach Kriegsende von den Alliierten auf den Index gesetzt wurde.
Die zunehmenden Fliegeralarme beeinflussten den Kinobetrieb. Zum Kriegsende 1944/45 wurde der Spielbetrieb eingestellt. . Im kalten Winter wurde die Holzbestuhlung herausgerissen und verheizt, die technische Ausstattung ging verloren.

Eingang zum Kino Toni. Foto: Ulrich Horb
Eingang zum Kino Toni. Foto: Ulrich Horb

1945 wurde die UFA von der sowjetischen Militäradministration enteignet, ihr Weißenseer Kino wurde von Sojusintorgkino, einem Filmverleih, übernommen, war aber auf Grund der Kriegsschäden unbespielbar. 1947 wurde das Kino an den Lichtenberger Kinobetreiber Herbert Bendel übergeben, der es komplett instand setzte und unter dem neuen Namen „Toni“ Weihnachten 1948 mit 628 Plätzen eröffnete. Zur Premiere lief „Zirkus Renz“, ein deutscher Spielfilm noch aus dem Jahre 1943 mit René Deltgen. Bis zu 1600 Besucherinnen und Besucher zählte das Haus an guten tagen in seinen verschiedenen Vorstellungen. Einfach hatte es Bendel aber nicht, 1956 entzog der Ost-Berliner Magistrat privaten Kinos das Recht, Filmpremieren zu zeigen, was sich unmittelbar auf die Besucherzahlen auswirkte. Dennoch investierte Bendel, 1966 wurde auf das Cinemascope-Format umgestellt. 1973 übernahm Bendels Sohn Wilfried das Haus, bis 1979 blieb er Pächter, dann schloss die staatliche Bauaufsicht das letzte privat betriebene Filmtheater Ost-Berlins. Die Bezirksfilmdirektion Berlin übernahm das „Toni“. Nach ihrem Umbau blieben 277 Plätze übrig, dazu kam eine Bühne für die Aufführungen eines 15köpfigen Theaterensembles. Die Wiedereröffnung im Juli 1982 wurde mit der Premiere des DEFA-Films „Das Fahrrad“ von Evelyn Schmidt gefeiert, der realistische Blicke in den DDR-Alltag lieferte. Das „Toni“ war nun wieder eines von fünf Premierenkinos im Ostteil der Stadt.
In der Vorwendezeit bewiesen die Programmmacher Mut. Mit der Reihe „Toni Film Talk“ boten sie Raum für spannende Diskussionen. Als letzter Film in dieser Reihe lief im Juni 1989 der Jugendfilm „Insel der Schwäne“, sechs Jahre vorher nach einem Buch von Ulrich Plenzdorf gedreht. Er beschrieb realistisch das Leben von Jugendlichen in Marzahn und war schon nach der Premiere auf heftige Kritik der DDR-Kulturoberen gestoßen. Nun wurde der Kino-Talk von der Bezirksfilmdirektion untersagt.
In den ersten Monaten nach der Wende wurden Pläne für ein freies Kino entwickelt, die aber am Bundesfinanzministerium und der Treuhand scheiterten. 1991 erfolgte die Ausschreibung des Kinos. Dank eines Mitspracherechts des Bezirks bei der Auswahl des Betreibers wurde 1992 mit dem Münchener Regisseur Michael Verhoeven ein passender Kaufinteressent gefunden. 1994 renovierte er Fassade und Kinosaal und baute die Nebenräume zu einem kleinen Kinosaal, dem „Tonino“ um. Im September 2007 zerstörte ein Brand das „Tonino“, im Januar 2008 wurde es mit einer kleinen Bühne und 102 Plätzen wieder eröffnet. Mehrere Jahre hatte Verhoeven den Betrieb nur mit erheblichen privaten Zuschüssen aufrecht erhalten können – inzwischen sind die Zuschauerzahlen wieder gestiegen. Im November 2015 kündigte Verhoeven, inzwischen 77, an, sich aus Altersgründen vom Lichtspielwohnhaus innerhalb der kommenden zwei Jahre trennen zu wollen. Verkaufen wollte er nur an Interessenten, die sich verpflichten sollten, das Kino weiter zu betreiben. Die zwei Jahre Zeit waren nötig – im November 2017 verkündete Verhoeven den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen. Neuer Eigentümer wird der Berliner Verleih Neue Visionen. Mit Iris Praefke und Wulf Sörgel als Pächter übernehmen zwei Kino-Profis von 2018 an das Toni und das Tonino. Sie  betreiben bereits seit längerem zwei weitere Häuser: das Kreuzberger „Moviemento“ (Kottbusser Damm 22)  und das „Central“ (Rosenthaler Str. 39) in Berlin-Mitte.

Zum Programm im „Toni“ und „Tonino“ gehören vornehmlich anspruchsvolle deutsche und europäische Filme, dazu Produktionen aus der ehemaligen DDR und Kinderfilme. Mehrmals wurden die Jahresfilmprogramme von den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien prämiert.

Kino Toni & Tonino
Antonplatz 1
D-13086 Berlin / Weißensee
Telefon:     030 / 92 79 12 00
Fax:     030 / 92 79 12 01
E-Mail:     kontakt@kino-toni.de
Internet: http://www.kino-toni.de/

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