Innovatives künstlerisches Handwerk: Die Sophiensaele

Eingang zu den Sophiensaelen in Mitte. Foto: Ulrich Horb
Eingang zu den Sophiensaelen in Mitte. Foto: Ulrich Horb

Wo früher Handwerkskunst gepflegt und zu Arbeiterversammlungen geladen wurde, finden heute Tanz und Theater ihr Publikum. Die Sophiensaele, eine  lebendige Spiel- und Produktionsstätte für freie Gruppen, liegen nur wenige  Schritte vom trubeligen Hackeschen Markt entfernt  in der Sophienstraße.

Die schmale Straße, vor 300 Jahren entstanden, ist eine der ältesten Berlins. Das Handwerkerhaus im Hof der Sophienstraße 18 wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet. Bauherr war der Berliner Handwerkerverein, der vier Jahre vor der Revolution von 1848 als Arbeiterbildungsverein gegründet wurde. Stadtsyndikus Heinrich Hedemann gehörte zu den Initiatoren des Vereins, der rund 250 Mitglieder vereinte und dabei Grenzen überwand. Denn ihm gehörten nicht nur Meister, sondern gleichberechtigt Gesellen und Arbeiter verschiedener Berufsgruppen an.  

Eingang zu den Sophiensaelen in Mitte. Foto: Ulrich Horb
Eingang zu den Sophiensaelen in Mitte. Foto: Ulrich Horb

Politische Aktivitäten waren noch untersagt. Der Verein hielt sich daran, seine Mitglieder engagierten sich allerdings durchaus für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern.  So auch Stephan Born,  Sozialist und Gründer der  Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung, einer frühen  Gewerkschaft, der dem Verein angehörte und dessen Bildungsarbeit würdigte.

Nach der Revolution von 1848 wurde der Verein verboten und erst 1859 wieder zugelassen. Er nutzte Räume in der Sophienstraße und kaufte schließlich die bereits mit Wohnhäusern bebauten Grundstücke in der Sophienstraße 17 und 18, um auf dem Hof einen Vereinstreffpunkt  zu errichten, ein roter Backsteinbau mit zahlreichen großen Sälen,  die bis zu 3000 Personen fassten, etlichen kleineren Räumen und einer vielgenutzten Bibliothek. Heute ist hier auf dem Hof die Kasse der Sophiensäle, zur Bühne geht es in den ersten Stock.

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sprachen hier, die KPD lud zu Veranstaltungen. In den dreißiger Jahren machten die Nationalsozialisten aus den Sophiensälen ein Arbeitslager mit holländischen Zwangsarbeitern. In der DDR-Zeit waren im Haus Werkstätten des Maxim-Gorki-Theaters untergebracht.  Nach der Wende waren die Besitzverhältnisse zunächst unklar, erst Mitte der neunziger Jahre wurde das Handwerkerhaus zur Bühne.

Gemeinsam mit ihrem Partner Jochen Sandig hatte die Choreographin Sasha Waltz 1993 die Compagnie Sasha Waltz & guests aufgebaut, mit Jo Fabian und Dirk Cieslak  gründete sie 1996 in den Sophiensaelen eine Produktions- und Spielstätte für Freies Theater. Gleich das erste Stück, die „Allee der Kosmonauten“ wurde ein großer Erfolg, Sasha Waltz wurde damit zum Theatertreffen 1997 eingeladen. Es  ist Tanztheater, das Grenzen auslotete und seine Aktualität bis heute nicht verloren hat: Um die Wohnzimmercouch in einer Plattenbauwohnung herum wurde das Zusammenleben einer Familie  in Bewegung umgesetzt.

Der Erfolg machte die Sophiensäle  bekannt. Auch die folgenden Produktionen von Sasha Waltz, Zweiland (1997), Na Zemlje (1998) und Dialoge ’99/I, fanden ein begeistertes Publikum.  1999 wechselte Sasha Waltz für fünf Jahre an die Schaubühne, um dann 2004 ihre Compagnie wieder neu zu gründen.

Franziska Werner, künstlerische Leiterin der Sophiensaele. Foto: Ulrich Horb
Franziska Werner, künstlerische Leiterin der Sophiensaele. Foto: Ulrich Horb

Gesellschafterin der Sophiensaele blieb Sasha Waltz auch in dieser Zeit. Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin wurde 1999 Mitgesellschafterin Amelie Deuflhard, ihr folgte zwischen 2007 und 2010  Heike Albrecht. Seit Ende 2011 hat  Franziska Werner die künstlerische Leitung inne. „Theater, Tanz, Performance, Musiktheater, Bildende Kunst und diskursive Formate ergänzen sich gleichberechtigt im Programm und treten in einen produktiven Dialog“, so lautet der Anspruch.  Immer wieder  sind Inszenierungen so angelegt, dass Publikum und Künstlerinnen und Künstler einander begegnen können, die Sohiensaele sollen nicht nur Aufführungsort sein, sondern kreative Begegnungsstätte.

Decke in den Sophiensaelen in Mitte. Foto: Ulrich Horb
Decke in den Sophiensaelen in Mitte. Foto: Ulrich Horb

2011 wurde das Haus aus Mitteln der Klassenlotterie behutsam saniert, dabei  blieben viele Bestandteile des alten Handwerkshauses erhalten, darunter auch die Stuckgestaltung, die zunächst Rätsel aufgab. Aus den Unterlagen des Denkmalschutzes erschloss sich schließlich, dass er teilweise von Lehrlingen als Übungsaufgabe erstellt worden war.

Die Sophiensäle bringen jährlich rund 90 Produktionen auf die Bühne und sind für die freie Szene in Berlin inzwischen einer der wichtigsten Aufführungsorte. Gespielt wird an mehr als 300 Tagen. Im Gutachten zur Konzeptförderung 2015-2018 für den Berliner Senat bescheinigten die Gutachter: „Die Sophiensaele sind wieder der kompetente und verlässliche Partner für Künstler und Gruppen aus der Freien Theater-, Performance-, Musiktheater- und Tanzszene nicht nur Berlins. Sie sind als Spielstätte und produzierendes Haus wieder jener offene Ort für Innovation, Experiment und Nachwuchsförderung. Sie bieten wieder den Freiraum für höchst unterschiedliche Ästhetiken, Stile und Formate und für die weitere Erforschung und Entwicklung zeitgenössischer Bühnenproduktionen.“  Wie in den Anfangsjahren werde „ein neugieriges, offenes Publikum“ angezogen.

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